Die Abgaben der Bauern in früherer Zeit

Zehnte waren seit dem 6. Jahrhundert die wichtigsten Abgaben der Laien an die Kirche, die diese aufgrund der mosaischen Gesetze verlangte. Sie waren in erster Linie zum Unterhalt der Geistlichen bestimmt. Seit der Christianisierung unserer Heimat am Anfang des 9. Jahrhunderts unter Karl, genannt der Grosse, unterstützte der Staat durch das Zehntgebot den kirchlichen Anspruch. Als Zehnt mußte eine Fülle verschiedener Naturalien an die Kirche gegeben werden, meist der zehnte Teil einer bestimmten Feldfrucht. Das traf unsere Vorfahren als unerhörte Neuerung und als Eingriff in ihre Besitzrechte.
Die Reformation ließ die Zehnten bestehen, sodaß sich hieraus schließlich die Merkwürdigkeit ergab, dass elf katholische Bauern aus Stelle und Bokelskamp dem evangelischen Pfarrer in Sulingen am Klaustage (6. Dezember) eines jeden Jahres den Sackzehnten zu entrichten hatten.

Im Oktober 1842 stellten die elf Bauern, (darunter auch einer meiner Vorfahren) den Antrag auf Ablösung dieser Abgaben bei der königlichen Ablösungskommission in Ehrenburg. Die Abgaben endeten mit dem Ablösungsrezeß, der am 9. Dezember 1856 in Ehrenburg vom Sulinger Superintendenten Wagemann (namens des dortigen Kirchenvorstandes) und den elf Bauern aus dem Kirchspiel Twistringen unterzeichnet wurde. Mit dem Rezeß erlosch die einzige im Kirchspiel bestehende Zehntpflicht - allerdings erst vierzehn Jahre nach Antragstellung auf Ablösung.
Die Bedeutung dieser Ablösungen bestand darin, daß die Bauern jetzt frei waren, die Landnutzung zu ändern, z.B. aus Ackerland Wiesen zu machen. Die Zehntpflicht war neuerungshemmend, denn der Bauer war auf eine bestimmte Scala von Feldfrüchten (Roggen, Hafer) festgelegt. Berücksichtigen wir noch andere Abgabeverpflichtungen, so musste zwangsläufig die traditionell breite, sprich unwirtschaftliche, bäuerliche Produktionspalette erhalten werden und so zu Starrheit und Verknöcherung der Produktionsverhältnisse führen.
Ablösungen wie die des Steller Sackzehnten im Zusammenhang mit Verkopplungen, Gemeinheitsteilungen und anderen Reformen signalisierten das Ende des Feudalzeitalters im 19. Jahrhundert und hatten einen günstigen Einfluss auf die Entwicklung der Landwirtschaft.


(mit freundl. Genehmigung von Otto Bach: STELLE - Beiträge zu einer Ortsgeschichte; vom Okt. 1985; Seite 29)

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