Unsere Pilgerwanderung auf dem Camino de Santiago
vom 23. Mai bis 14. Juni 1997
Teil IV - in Santiago de Compostela

 

Montag, der 9. Juni (in SANTIAGO de COMPOSTELA)
jakobsaltarBeim Start in Arca waren wir noch einigermaßen optimistisch. Es waren ja auch nur noch 19 km bis nach Santiago zu gehen. Diese 19 km hatten es aber in sich! Schon kurze Zeit nach dem Abmarsch ging es wieder stetig bergan. Dabei war es eine äußerst schwüle und drückende Luft. Uns fiel das Gehen sehr schwer. Wir ließen es aber langsam angehen. Diesmal hatten wir kein Wasser mitgenommen in der Hoffnung, unterwegs genug Wasserstellen oder ganz bestimmt eine Bar anzutreffen. Das aber war eine trügerische Hoffnung! Malena fiel das Gehen immer schwerer. Ihre Gelenke wollten einfach nicht mehr mitmachen. Wir gingen dann auf einen Bauernhof und fragten nach Wasser. Die freundliche Frau ging mit uns zu einer Quelle ganz in der Nähe des Hofes. Ich füllte meine Wasserflasche mit 1 1/2 Liter des sehr gut schmeckenden Wassers. Danach setzten wir uns auf am Weg liegenden Eukalyptusstämmen und aßen unseren Rest Brot mit Käse und labten uns an dem frischen Quellwasser. Der Rest einer Tafel Schokolade sollte uns dann fit machen für die nächsten 4 km bis zum Monte del Gozo, dem "Berg der Freude", von dem aus man Santiago schon liegen sehen kann. Leider verlief der Rest der Etappe immer über Asphalt. Unsere Gelenke schmerzten und wir kamen nur langsam voran. Am Monte del Gozo machten wir wieder eine Pause. Vorher hatten wir etwas Obst gekauft und eine Dose Schweppes. Diese mischten wir mit dem Rest des Quellwassers - und siehe, wir hatten plötzlich ein sehr wohlschmeckendes und erfrichendes Getränk. Danach ging es auf, die letzten 4 km bis zur Kathedrale zu bewältigen. Diese letzten paar Kilometer waren wohl - besonders für Malena - die schwersten des ganzen Camino. Wir erfragten öfter den Weg zur Kathedrale und waren äußerst genervt, als wir die richtige Straße verfehlt hatten und einen kleinen Umweg gegangen waren. Ein sehr freundlicher englischer junger Mann, der in Santiago lebte und als Englischlehrer tätig war, zeigte uns den richtigen Weg und ging sogar mit uns bis zur Kathedrale. schlafsaal

Als wir dann eintraten und uns vor dem Jakobusaltar setzten, fing Malena vor äußerster Erschöpfung an zu weinen. So erschöpft und abgespannt habe ich sie auf der gesamten Strecke nicht erlebt. Die lange Asphaltwanderung macht ihr eben zu schaffen und geht auch mir auf die Gelenke. Die Fußsohlen brennen und jeder Meter wird zur Qual.

Da das Pilgerbüro erst wieder um 16,30 Uhr öffnete, suchten wir das uns bekannte Seminario Menor auf, wo wir bis zu unserer Abreise herbergen wollten. Malena nahm eine Kopfschmerztablette und erholte sich dann einigermaßen. Als wir gegen 18,30 Uhr wieder in die Stadt gingen, um unsere Pilgerurkunden zu bekommen, tat eine gute Tasse cafe con leche den Rest, um die Schmerzen und die Nervenanspannung zu beseitigen. Zu Abend aßen wir dann mit Wolfgang, den wir in der Stadt wiedergetroffen hatten, mit Luisa aus München, Jan aus Limburg, einem holländischen Kunsthistoriker und mit Franz, einem Arzt aus San Francisco. Alle waren uns von den abendlichen Treffs in den Refugios mittlerweile gut bekannt. Die Portionen hier in Spanien sind immer "grande", was zur Folge hatte, daß ich bis nachts um 2 Uhr nicht einschlafen konnte. Die Lehre daraus: Ich esse spät abends nicht wieder so schwer und so viel und gehe anschließend dann gleich schlafen. Alles in allem waren wir aber glücklich, unser Ziel erreicht zu haben.

Dienstag, der 10. Juni - (in Santiago)
f_rbittenNachdem ich nachts um 2 Uhr eine Schlaftablette genommen hatte, war ich gegen 8 Uhr wach geworden und fühlte mich munter und ausgeruht. Wir machten uns in aller Ruhe zurecht, um pünktlich um 12 Uhr an der Pilgermesse teilnehmen zu können. In der Kathedrale trafen wir dann viele bekannte Camino-Mitwanderer wieder. Zu unserer großen Freude und Überraschung kamen auch Pilar und die jungen Amerikaner Caroline und Gerry auf uns zu und begrüßen uns mit einer herzlichen Umarmung. Sogar Raquel, eine junge Frau, der wir nur in unserer ersten Herberge Sahagun begegnet waren und die damals große Schmerzen an ihrem Fuß hatte, war wieder da und brachte eine Kerze für eine schwer krebskranke deutsche Pilgerin zum Altar, die den Weg wegen ihrer Krankheit hatte abbrechen müssen. Während der Pilgermesse wurden dann auch "zwei Alemanis a pie von Sahagun" begrüßt. (Das waren wir!!) Dennoch ist nicht der Weg das alleinige Ziel: In Santiago anzukommen birgt tiefgehende Erlebnisse. Eines davon: weil Pilger eines ganzen Jahrtausends an derselben Stelle mit einer Hand an eine der Eingangssäulen zur Kathedrale gefaßt haben, ist im Laufe der Zeit eine Vertiefung in Form einer Hand entstanden.
Krönender Abschluß der langen Reise ist ein Gottesdienst in der Kathedrale, bei dem das größte Weihrauchfaß der Welt von fünf Männern über Seile und Winden hochgezogen wird und dann in dem Querschiff hin- und herschwingt. Das geht unter die Haut, und hinterher liegt die Kirche im Nebel. Die Meßfeier war sehr eindrucksvoll, vor allem auch deshalb, weil z. B. das Kyrie, das Sanctus und das Vaterunser von allen Pilgern gemeinsam in lateinischer Sprache gebetet wurde. Wer sich den alten Texten und den sie begleitenden Gesten und Anweisungen überläßt, der merkt sehr bald, daß es die Liturgie ist, die ihn zu dem neuen Menschen formt, zu dem er durch Jesus Christus werden soll, und nicht umgekehrt formt sich der neue Mensch - der moderne Mensch - die Liturgie nach seinem Bild. Ich möchte jedenfalls vielen Leuten bei uns wünschen, einmal diese andere Kirche - Weltkirche - zu erleben. Hoffentlich gehen die Bischöfe und die Kirche in Deutschland wieder großzügiger als bisher auf das päpstliche Indult ein, jenen Gläubigen eine Meßfeier in dieser Form zu ermöglichen, die sich das wünschen. aufzug-weihrauchfass

Am Mittwoch und Donnerstag sahen wir uns die Stadt an und besuchten einige alte und kulturhistorische Museen. Am Abend vor unserer Abreise hatten wir uns alle, die wir uns auf dem Camino kennengelernt hatten, noch einmal zu einem gemeinsamen Abendessen verabredet und alle kamen: Pilar aus Alicante, Caroline und Gerrey aus Kentucky, Wolfgang aus Lindau, Jan aus Limburg, Luisa aus München, "unsere drei Franzosen" aus Bordeaux, Anglet und Toulouse und wir beiden Alemanis aus dem Norden. Bei unseren in babylonischem Sprachgewirr geführten Tischgesprächen ging es überaus herzlich zu. Es war ein schöneunvergeßlicher Abend. Pilar schenkte uns zum Abschied noch eine neu herausgegebene silberne Gedenkmünze ihrer Banco Popular von Alicante.

 

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Camino IV